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Im Winter qualifizieren, im Sommer durchstarten: Wie Saisonkräfte mit TQ zu Fachkräften werden

Wie eine inhabergeführte Hotelgruppe an der Schlei Teilqualifikationen in den Saisonrhythmus einpasst – und warum ihr Geschäftsführer das Instrument ohne Zögern weiterempfiehlt
Bild TQ Hoga IHK Flensburg

© Getty Images

Zwischen Nord- und Ostsee kennt das Gastgewerbe oft zwei Geschwindigkeiten: Im Sommer herrscht Vollbetrieb, jede Hand wird gebraucht; im Winter stehen viele Häuser nahezu leer und auch für das Personal wird es ruhiger. Bo Teichmann, Geschäftsführer der TH Hospitality Group in Kappeln an der Schlei, hat aus dieser Gesetzmäßigkeit eine unternehmerische Konsequenz gezogen: Wer im Winterhalbjahr ohnehin weniger zu tun hat, kann in dieser Zeit auch lernen, so seine Überlegung. Sechs Mitarbeitende hat Teichmann inzwischen durch eine winterliche Teilqualifizierung (TQ) begleitet. 

Eine Region, die qualifizieren muss

Das Phänomen betrifft den ganzen Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg. Von Sylt und Föhr bis zur Schlei-Mündung prägen der Tourismus und damit ein ausgeprägtes Saisongeschäft die Wirtschaft. Und: "Wir haben eine hohe Quote an ungelernten Kräften in der Gastronomie", sagt Bente Jacobsen, Weiterbildungsreferentin bei der IHK Flensburg. "Das sind die klassischen Saisonkräfte, Aushilfen, Quereinsteiger."

Seit der ersten Corona-Wintersaison im Herbst 2020 bietet die IHK gemeinsam mit der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein TQ für die gastronomischen Vollberufe an: Koch, Hotelfachmann und Fachmann für Restaurant- und Veranstaltungsgastronomie. Alle drei umfassen jeweils sechs Bausteine, von denen die ersten zwei berufsübergreifend gemeinsam vermittelt werden. Der Anstoß für gezielte Weiterbildungsmaßnahmen kam von der Agentur für Arbeit, die das Konzept aus Neubrandenburg kannte und nach Schleswig-Holstein tragen wollte.

Ein Modell, das sich dem Betrieb anpasst

Was das Flensburger Angebot von vielen anderen unterscheidet, ist seine konsequente Ausrichtung am Rhythmus der Branche. Die Qualifizierungsphase läuft von Mitte Oktober bis Mitte April: Dabei werden zwei Bausteine à drei Monate – jeweils inklusive zweier Wochen Praktikum – angeboten. Im Sommer kehren die Teilnehmenden in ihre Betriebe zurück und arbeiten regulär weiter. Für Jacobsen passt das nicht nur in die betriebliche Planung, sondern erweist sich auch als didaktischer Vorteil: "Es ist eine sehr lange Praxisphase, in der die TQler direkt das, was sie im Winter gelernt haben, im Betrieb wieder einbringen und vertiefen." Das Ergebnis spricht für das Konzept: In Flensburg ziehen nahezu alle Teilnehmenden sämtliche sechs Bausteine durch und legen anschließend die externe IHK-Prüfung ab.

Aus Sicht des Betriebs rechnet sich das gleich mehrfach. "Wir setzen 75 Prozent unseres Jahresumsatzes von Ostern bis Oktober um", sagt TRH-Geschäftsführer Teichmann. "Da war die TQ, bei der die Arbeitsagentur einen Großteil des Gehalts übernimmt, einfach eine Top-Lösung." Hinzu kommt ein Detail, das die Konstruktion elegant schließt: Die verpflichtenden Praktika liegen bewusst in den Stoßzeiten um Weihnachten und Ostern. "Das ist aus betrieblicher Sicht gut", so Teichmann. "Ich kann in den starken Tagen wieder auf die Teilnehmenden zugreifen."

Reibungslos organisiert

Bemerkenswert ist, wie einhellig positiv alle Beteiligten die Zusammenarbeit beschreiben. Auf die Frage nach Verbesserungswünschen tut sich Teichmann schwer, überhaupt einen Kritikpunkt zu finden: "Aus meiner Sicht ist das wirklich sehr rund und sehr stimmig." Er lobt die großzügige Kostenübernahme, die erstatteten Fahrtkosten, die Unterbringungsmöglichkeiten während der Lehrgänge. Und: "Damit hast du als Teilnehmender wirklich eine super Grundlage. Und auch als Betrieb." Dass die Häuser ihre Mitarbeitenden während der Qualifizierung nicht verlieren und dass sich deren Urlaubsanspruch sauber innerhalb des Lehrgangs abbilden lässt, gehört für ihn zu den weiteren Stärken des Konzepts.

Wenn ich einem Mitarbeitenden [mit TQ] für drei Jahre eine Perspektive geben kann, dann habe ich schon eine Planungssicherheit.

Bo Teichmann, Geschäftsführer der TH Hospitality Group

Was das Zertifikat auslöst

Den nachhaltigsten Effekt beschreibt Bente Jacobsen nicht in betriebswirtschaftlichen Kennzahlen, sondern in Biografien. "Was mich beeindruckt, ist die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmenden in der Zeit", sagt sie. Viele kämen mit negativen Bildungserfahrungen und hätten die Idee von einer formalen Qualifikation längst abgeschrieben. "Die meisten TQler hatten sich nicht mehr vorgestellt, dass ein Berufsabschluss für sie überhaupt noch mal in greifbare Nähe rückt." Über die TQ hinweg beobachte sie bei diesen Kandidatinnen und Kandidaten ein regelrechtes Aufblühen – mehr Selbstvertrauen, ein reiferes Auftreten. Manche schließen die Ausbildereignung an, zwei Absolventinnen sogar den IHK-Fachwirt, eine Fortbildung auf Bachelor-Niveau.

Auch Teichmann kann von solchen Wegen erzählen. Sein Mitarbeiter Erich Wenk etwa, über eine entfernte familiäre Verbindung aus Südafrika nach Kappeln gekommen, hielt mit der TQ das erste Zertifikat seines Lebens in den Händen – und arbeitete zugleich hart daran, sein Deutsch zu verbessern. "Das hilft dir einerseits bei der Ausbildung, andererseits im Leben", sagt Teichmann. Wenk selbst formuliert es schlichter: "Als ich das Ergebnis meiner ersten Prüfung erhielt, wusste ich: Das schaffe ich wirklich."

Ein überzeugter Fürsprecher

Für den TH-Geschäftsführer ist die TQ längst mehr als ein Instrument zur Fachkräftesicherung oder ein Kostenargument. Sie stärkt, wie er sagt, die personelle Resilienz in einem Arbeitsmarkt, in dem langjährige Betriebszugehörigkeit zunehmend zur Ausnahme wird: „Wenn ich einem Mitarbeitenden für drei Jahre eine Perspektive geben kann, dann habe ich schon eine Planungssicherheit. Das zeigt mir ja auch: Der hat Interesse, ein bisschen zu bleiben.“

Den eigentlichen Wettbewerbsvorteil sieht er dabei nicht im Zertifikat allein, sondern in der Haltung, die dahintersteht: in der Bereitschaft, Potenziale zu erkennen, Entwicklung zu ermöglichen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren – Eigenschaften, die in der Branche keineswegs selbstverständlich seien.

Einen Wunsch hat Teichmann dennoch: Er würde sich freuen, wenn mehr Unternehmen diesen Weg einschlagen würden. Nicht zuletzt deshalb, weil das Angebot aus seiner Sicht deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient – und weil er bei den Abschlussfeiern gerne einmal auf neue Gesichter treffen würde, statt immer wieder dieselben Betriebe zu sehen.

Kontakt

Bente Jacobsen
Bente Jacobsen IHK Flensburg