Die Teilnehmenden der TQ Verkauf erhalten ihr IHK-Zertifikat von der IHK Koblenz
© IHK Koblenz
Die Teilnehmenden der TQ Verkauf erhalten ihr IHK-Zertifikat von der IHK Koblenz
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Teilqualifikationen (TQ) sind ein bewährtes Instrument der Nachqualifizierung für Menschen, die keinen vollständigen Berufsabschluss haben oder sich schrittweise für einen Beruf qualifizieren möchten. Doch funktioniert das Modell auch, wenn jemand nicht in Vollzeit arbeiten beziehungsweise qualifiziert werden kann? Ein Praxisbeispiel aus Koblenz im Berufsfeld Verkauf zeigt, wie Teilzeit, Sprachförderung und flexible betriebliche Lösungen neue Wege in die Fachkräftesicherung eröffnen.
Besonders alleinerziehende Mütter sind auf familienfreundliche Arbeitszeiten angewiesen. Das Bildungswerk der rheinland-rheinhessischen Wirtschaft gGmbH setzt deshalb bei seiner Teilqualifizierung im Berufsfeld Verkauf bewusst auf verringerte Stundenzahlen. Regionalleiter Marian Künzel erklärt die strategische Entscheidung: „Die Teilqualifizierung Verkauf haben wir von Anfang an als Teilzeitangebot konzipiert, weil wir einen entsprechenden Bedarf erkannt hatten.“
Die Lerninhalte entsprechen dabei denen einer regulären Teilqualifizierung, werden jedoch auf mehr Tage verteilt. Daher dauert die Maßnahme etwa acht statt der dreieinhalb bis vier Monate in Vollzeit. Doch Teilzeit bedeutet mehr als „nur“ flexible Stunden. Das Bildungswerk entwickelt gemeinsam mit Teilnehmenden und Betrieben Lösungen, um Qualifizierung und familiäre Verpflichtungen vereinbar zu machen.
„Wie kann Betreuung anders organisiert werden? Wie können Kindergarten-Zeiten ausgedehnt werden? Welche Möglichkeiten bietet die Ganztagsschule?“ – diese Fragen sind fester Bestandteil der Begleitung.
Die größte Herausforderung liegt in der Verkaufsbranche selbst: „Im Verkauf mit Früh-, Spät- und Samstagsschichten lässt sich Teilzeitarbeit oft nicht realisieren“, so Künzel.
Die aktuelle Gruppe besteht aus zehn Teilnehmenden, überwiegend ukrainische Frauen. Sie seien sehr motiviert, berichtet der Regionalleiter, hätten aber „zu Beginn der Teilqualifizierung noch über relativ schlechte Deutschkenntnisse“ verfügt. Mit berufsbegleitendem Deutschunterricht kann die TQ trotzdem gelingen – in der sogenannten TQ-Plus-Variante. Dabei werden die regulären fünf Module des Verkaufsberufs im Bildungswerk um praxisnahen Deutschunterricht ergänzt.
Zusätzliche Unterstützung erfahren zwei Teilnehmerinnen, die den praktischen Teil der TQ bei IKEA Koblenz absolvieren. Das Möbelhaus beschäftigt über 260 Mitarbeitende aus 23 Nationen und nutzt diese Vielfalt aktiv: Erfahrene Kolleginnen und Kollegen begleiten die Teilnehmerinnen in sogenannten Tandems – insbesondere in Situationen mit Kundenkontakt.
Grundsätzlich überwinden die Frauen in Kundengesprächen ihre Sprachängstlichkeit jedoch aus der Notwendigkeit heraus. Nadine Schüller, Unit People & Culture Generalist bei IKEA Koblenz, beobachtet: „In der Praxis relativiert sich das Sprachthema binnen kürzester Zeit. Die Teilnehmerinnen trauen sich mehr zu sprechen, und dann klappt es wirklich besser.“
Um Teilqualifikationen in Teilzeit realisieren zu können, hat sich das Unternehmen aber auch organisatorisch angepasst: Mit einer sechswöchigen Einsatzplanung im Voraus konnte das Unternehmen Arbeitszeiten so gestalten, dass die Kinderbetreuung für die Teilzeitkräfte planbarer wurde. Diese Flexibilität machte das Modell erst praktikabel. Die Teilnehmerinnen arbeiten aktuell in Vier-Wochen-Blöcken à vier Stunden täglich – ein Modell, das sich mit der Kinderbetreuung gut kombinieren lässt. Die Wirkung ist bemerkenswert.
Bei den TQ-Teilnehmerinnen verändert sich ihre Perspektive komplett, weil sie erleben, wie gut die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei entsprechender Organisation funktionieren kann.
Nadine Schüller, IKEA
Unabhängig davon, ob eine Teilqualifikation in Teilzeit oder Vollzeit absolviert wird: Die erworbenen Kompetenzen werden für jedes Modul gesondert durch die IHK geprüft – bundesweit einheitlich und nach klaren Standards. So bleibt die Qualität der Qualifizierung gesichert.
Die IHK Koblenz hat seit 2024 bereits 14 Teilqualifikationen mit 51 Teilnehmenden in drei Berufen durchgeführt.
Bei der Kompetenzfeststellung berücksichtigt die IHK Koblenz auch die sprachlichen Herausforderungen und setzt bei den schriftlichen Prüfungen auf verständlich formulierte Aufgabenstellungen. Diana Michel, Projektleiterin Ausbildungsmarktintegration bei der IHK Koblenz, erklärt: „Die Inhalte bleiben gleich – entscheidend ist, dass die Teilnehmenden die Fragen verstehen. Dadurch steigen die Erfolgschancen deutlich.“
Nach jedem Modul erhalten die Teilnehmenden ein IHK-Zertifikat, ein wichtiger Nachweis für Arbeitgeber. Denn, so Michel: „Viele Menschen verfügen über berufliche Kompetenzen, die bislang nicht dokumentiert sind. Doch auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind formale Nachweise entscheidend, um beruflich Fuß zu fassen und weiterzukommen – das ist die Realität.“ Hilfreich sei auch der modulare Aufbau der TQ: „Dieses schrittweise Vorgehen senkt eine entscheidende Hürde, die bei klassischen zweijährigen Umschulungen häufig unüberwindbar wirkt.“
Das Praxisbeispiel zeigt, welches Potenzial in der Kombination aus Teilzeit, Sprachförderung und betrieblicher Flexibilität liegt.
Nadine Schüller von IKEA bestätigt: „Das Tool TQ wird auf jeden Fall ausgebaut. Es erschließt einen völlig neuen Pool an Fachkräften, den das Unternehmen bislang nicht erreicht hat.“